Reservisten-Abschied.

Humoreske von Marie Stahl
in: „Ohligser Tageblatt” zugleich „Ohligser Zeitung” vom 24.9.1896,
in: „Mülheimer Zeitung” vom 1.10.1896


„Weine nicht, Lieschen, ich schreibe Dir auch und zu Deinem Geburtstag bekommst Du was Hübsches. Was möchtest Du denn haben? Eine Broche oder ein Album!”

Lieschen, die „kalte Büffet-Mamsell”, schluchzte unentwegt weiter, indem sie für Georg Brandenfels, der eben sein Jahr abgedient und als Reservist des zweiten Garde-Regiments entlassen war, eine Portion italienischen Salat zurecht machte.

Es war die letzte, die er in seinem Stammlokal in der Carlstraße verzehren würde.

Heute trug er noch die schöne Uniform. Aber schon am Abend würde er sie gegen das häßliche Civil vertauschen und Berlin verlassen, um daheim in den Gefilden Ost-Preußens einem friedlicheren Beruf als dem edlen Waffenhandwerk obzuliegen.

Der Abschiedskummer brach Lieschen fast das Herz.

Ach, wie so manches Glas hatte sie tagtäglich dem schönen, lustigen Georg verzapft, und nie wird sie den Sonntag vergessen, draußen in Halensee, wo sie sich getroffen und die ganze Nacht zusammen getanzt hatten!

Georgs wegen hatte sie sich den Schlächtergesellen von drüben zum Todfeind gemacht, und nun ging er dahin, von dannen er nicht mehr wiederkehrte!

Beim letzten Händedruck erkundigte sie sich genau, mit welchem Zuge er abreisen würde. Sie hatte eine große Idee - sie kannte seine Lieblingsblume — sie wollte ihn überraschen, ihn noch ein Mal etwas Liebes erweisen!

Bald darauf stand der lustige Georg im Handschuhladen in der Friedrichstraße. Es war gerade Mittagszeit und der Laden leer.

Auch die hübsche, blonde Handschuhmacherin schluchzte, und es gab einen traurigen Abschied.

Georg war ein so guter Kunde gewesen und so amüsant und schneidig!

Wie manch lustiges Stündchen hatten sie am Ladentisch zusammen verplaudert und wie vergnügt waren sie neulich in Schönhausen auf der Rutschbahn und bei den Würfelbuden.

„Weinen Sie nicht, Fräulein Else, ich schreibe mal,” tröstete Georg, und auch hier mußte er Stunde und Minute seiner Abreise mittheilen.

Nun schnell noch einen Besuch bei Tante Lottchen.

Tante Lottchen schwamm geradezu in Thränen. Georg hatte gar nicht gewußt, wie tief ihn die alte Jungser in's Herz geschlossen.

Sie wurde elegisch und erzählte zum tausendsten Mal, daß er das Ebenbild ihres im Jahre 66 gefallenen Bräutigams, des Bruders seines Vaters sei.

Georg machte sich mühsam los und fuhr per Droschke in die Hedemann=Straße.

Der Besuch galt einem Major, bei dem er im Winter wiederholt zum sauren Mops geladen war, und dessen Tochter, den allerliebsten Backfisch Lulu, er wahnsinnig poussirt hatte, bis zu kleinen Rendez-vous auf den Höheren-Töchter-Schulwegen.

Lulu benahm sich tadellos korrekt in Gegenwart der Eltern, aber sie fragte eingehend nach der Stunde seiner Abreise, und in ihren Augen blitzte ein heimlich großer Entschluß.

Aus der Hedemann-Straße ging es zu Fräulein Ilona vom Apollo-Theater, der reizenden Chansonette. Ilona, die reife Schönheit, hatte großes Wohlgefallen an Georgs frischer Jugend gefunden und ihn bevorzugt, wo sie ihm begegnete. So brachte er ihr zum Abschied seine Photographie und einen Blumenkorb. Sie that Alles, ihm den Abschied schwer zu machen, und seufzend trat er den Heimweg an.

Dort stand ihm noch ein Sturm bevor.

Unter Strömen von Thränen packte seine gute Wirthin, die „bessere Wittwe”, bei der er als „möblierter Zimmerherr” gewohnt, seinen Koffer.

„Zwei Dutzend Paar Socken, ein Dutzend Vorhemdchen — mein Jott, mich is jrade, als stürbe mich mein Emil noch mal — zwei Dutzend Taschentücher — der auf die Schneider-Akademie lernte und den Blutsturz kriegte — ein Dutzend Nachthemden,” zählte sie in den Koffer und Georg mußte wohl oder übel noch ein Mal die Leidensgeschichten des verstorbenen Emil und des seligen Gatten anhören, bis es ihm gelang, sich loszureißen.

Er mußte noch ein Mal in die Kaserne, sich seine Militärpapiere zu holen, von dort ging es zur großen Abschiedkneipe mit den Kameraden und endlich in der letzten Minute per Eildroschke nach dem Bahnhof.

Herrgott, da war Onkel Aurel, sein Vormund, persönlich auf dem Bahnsteig, um ihn sicher abreisen zu sehen und sich zu überzeugen, daß der Herr Neffe, für den er soeben einen ansehnlichen Posten Schulden bezahlt, nun auch nicht einen Tag länger als nötig auf dem teuren Pflasten Berlins verweile.

Der Onkel war ein Herr von strengen Grundsätzen, und das Schuldenzahlen kam ihm sauer an bei dem reichen Wechsel, den er dem Neffen monatlich ausgestellt.

Georg hatte sich mit den teuren Berufsverpflichtungen herausgeredet, und es lag ihm Alles daran, die gute Meinung des alten Herrn wiederzugewinnen.

War es doch sein Herzenswunsch, daß der Onkel ihn bald selbstständig machen und ihm ein Gut kaufen möchte! Außerdem hatte Onkel Aurel ein weibliches Mündel, die reizende, steinreiche Paula Moßner, die Georg als Idael seiner künftigen Gattin verschwebte. Aber der Onkel behütete sie wie ein Drache und wollte sie nur dem Würdigsten zum Weibe geben.

So nahm Georg jetzt alle Kraft zusammen, sich in tadelloser Haltung von ihm zu verabschieden und ihn von der Weinseligkeit des Abschiedtrunkes nichts merken zu lassen.

Aber er sah den Verkehrstrubel im elektrischen Licht der Bahnhofshalle um sich her nur wie in einem goldenen Nebel, und der ganze Lärm floß in seinem Ohr zu einem dumpfen Rollen und Brausen zusammen. Er sprach unaufhörlich auf den Onkel ein und wunderte sich zuweilen, wie ihm die gescheidtesten Gedanken und Einfälle nur so zuflogen.

Plötzlich wurde ihm ganz bunt vor den Augen, er sah nichts mehr als Astern, seine Lieblingsblume. Wie kam das nur? — hier auf dem Bahnhof? —

Ein Riesenstrauß von Astern schwankte vor seinen Augen, aber jetzt tauchte ein Mädchenkopf dahinter auf, und ein paar dunkle, thränenfeuchte Augen strahlten ihn an.

„Georg! — leb wohl — nimm die Blumen — denk manchmal an mich!”

Der Rest war Schluchzen.

Georg nahm die Blummen und machte einen Schwall höflicher Redensarten, aber er wünschte sich und das arme Lieschen einige Klafter tief unter den Asphalt.

Er hatte noch nicht geendet, da drängte sich in athemloser Hast eine zweite schlanke Mädchengestalt durch das Gewühl vor den Wagenthüren des Zuges, auf dessen Trittbrett Georg schon mit einem Fuße stand.

Ein halbes Kind, die Musikmappe unter dem Arm, ein paar Rosen und Astern in der ausgestreckten Hand.

„Da , da — pst! pst! um Gotteswillen — Papa darf's nicht wissen — habe die Musikstunde geschwänzt — adien, adien — halten Sie Wort! Nächsten Winter zum ersten Walzer auf dem Casinoball!

Lulu kicherte noch vor Freude über den gelungenen Streich, doch auch sie wurde bei Seite geschoben und mit dem Ruf: „Mein Herzensjunge!” flog Tante Lotte an den Hals deshalb zur Salzsäule verwandelten Georgs.

„Leb wohl, mein Liebling!”

Und Tante Lotte drückte ihm einen Strauß auserwählter Astern in die Hand.

Herrgott! ihm wurde immer noch bunter vor den Augen. Da tauchten noch zwei Asternbouquets auf, die beide auf ihn losstürzten, er hatte ein Gefühl, als wolle man ihn meuchlings mit Astern ersticken — das waren ja wirklich und leibhaftig die kleine Handschuhmacherin und Ilona in eigener Person! Und beide maßen sich mit feindseligen Blicken!

Georg brach der Angstschweiß aus, und plötzlich machte er einen verzweifelten Satz in das Koupee, denn über den Köpfen der Menge sah er den Blumenhut seiner„besseren Wittwe” schweben und, mit Ellenbogenstößen steuerte die würdige Dame auf ihn zu, schon von fern einen Monstre-BIumenstrauß schwenkend.

In demselben Augenblick warf der Schaffner die Thüren zu, der Zug brauste ab, und Georgs letzter, entsetzlicher Blick sah den Onkel mit einem unbescheiblichen Ausdruck mitten in der interessanten Gruppe der sechs liebenswürdigen Damen stehen.

Tableau!

Georg fiel ächzend auf seinen Sitz und starrte fassungslos die Blumensträuße an, die er noch in den Handen hielt.

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